Nordhorn

Nordhorn: Die Kreisstadt des Landkreises Grafschaft Bentheim und eine selbstständige Gemeinde im äußersten Südwesten Niedersachsens an der Vechte. Die Stadt ist eine Mitgliedsgemeinde der Euregio und grenzt direkt an der niederländischen Grenze. Nordhorn nennt man auch Wasserstadt.

Erstmals wurde Nordhorn um das Jahr 900 als „Northornon“ in den Heberegistern, der Werdener Abtei erwähnt. Damals noch als Siedlung, welche im Bereich des heutigen Stadtteils „Altendorf“ lag.

Um 1160 wurden die ersten Bentheimer Sandsteine in die Niederlande verschifft. Zum Stapelplatz wurde die Steinmaate. Die gleichnamige Straße erinnert noch heute daran, dass der Bentheimer Sandstein von hier aus in viele Länder exportiert wurde, wo er zum Bau des niederländischen Palais und vieler Kirchen verwandt wurde. Die zurückkehrenden Schiffe brachten Gewürze, Papier, Textilien sowie Nahrungs- und Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao und Tabak mit.

Um das Jahr 1180 erwarben die Grafen von Bentheim das Grafengericht zu Nordhorn. Sie bauten auf einer Insel der Vechte eine Burg, von der bis 1912 Teile erhalten waren. Heute steht dort die katholische St.-Augustinus-Kirche. Mit Hilfe des künstlich angelegten Mühlendamms und zweier Mühlen gelang es, den Wasserstand der Vechte zu regulieren und die Insel zu besiedeln.

Die heutige Hauptstraße dürfte schon damals über die Vechteinsel geführt haben, die sich in den Folgejahren zu einem attraktiven Handelsplatz entwickelte.

Im Jahr 1379 verlieh Graf Bernhard I. zu Bentheim Nordhorn die Stadtrechte. Gräfliche Burg und dörfliche Siedlung bildeten eine Art Insel zwischen den Vechtearmen, die als Handelsumschlagplatz für die Bentheimer Grafen wichtig geworden war.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bilden Handel und Handwerk wesentliche Wirtschaftsgrundlagen in der Region. Die Schifffahrt auf der Vechte und den Kanälen, zusammen mit dem Fuhrwesen sind zu dieser Zeit wichtige Erwerbszweige. Die Stadt wurde in jenen Jahrhunderten der Sitz wohlhabender Kaufleute, Reeder und Schiffer.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Nordhorn nach einigen Kriegsjahren und Belagerungen wieder geschäftiges Treiben. In diesen Jahren wuchs der Handelsplatz an der Vechte und zwei Häfen bestimmten das Bild der Stadt. Das Jahr 1839 gilt als Gründungsjahr der Nordhorner Textilindustrie. An der Handelsstraße entstand die erste mechanische Schnellweberei durch Willem Stroink aus Enschede. Der Grundstein für die Entwicklung zu einer der größten deutschen Textilstädte war gelegt.

Die Bentheimer Eisenbahn brachte 1895 den Eisenbahnanschluss an das internationale Netz. Mittlerweile waren verschiedene Textilfirmen entstanden, in denen etwa 1.500 Menschen Beschäftigung fanden. Die Weltwirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ließ viele Arbeitssuchende aus allen Gegenden des Deutschen Reiches ihren Weg nach Nordhorn finden. Zwischen 1900 und 1939 erhöhte sich die Zahl der Einwohner Nordhorns von etwa 3.000 auf 23.457. Heute leben in Nordhorn ca. 53.043 Einwohner.

Die Entwicklung der Textilindustrie sicherte Nordhorn bis in die 1980er Jahre starke wirtschaftliche Stabilität. In ihrer Blütezeit waren bis zu 11.500 Menschen in der Textilindustrie beschäftigt. Die Energiekrise der 1970er Jahr läutete das Ende der Textilindustrie in Nordhorn ein. Keine der traditionsreichen Firmen überlebte und am 31.12.1999 endete die Ära der Textilgeschichte in Nordhorn.

Nach dem Niedergang der Textilindustrie stand Nordhorn vor der Aufgabe, aus dem durch die Textilindustrie stark geprägten Industriestandort einen modernen Dienstleistungsstandort zu schaffen. In Folge des Strukturwandels siedelten sich viele mittelständische Unternehmen aus den unterschiedlichsten Produktions- und Dienstleistungsbereichen an.

Innenstadtnahe Industrieareale wurden aufwendig saniert und einer neuen Nutzung zugeführt. So entstand auf dem ehemaligen Povelgelände in einer Mischung aus Wohnen, Altenwohnen, Dienstleistung und Kultur ein Areal, welches die Innenstadt ergänzt und durch kleine Kanäle ein wenig das Flair von Venedig vermittelt.

Auf dem östlichen Teil des ehemaligen RAWE-Geländes entstand ein Fachmarktzentrum welches direkt an die Innenstadt grenzt. Auf dem westlichen Teil wurden denkmalgeschützte Teile des Industrieobjektes einer anderen Nutzung zugeführt und ein gemischtes Gebiet geschaffen.

Der denkmalgeschützte Spinnereihochbau der ehemaligen NINO AG, ein Wahrzeichen der Textilgeschichte, wurde zum „Kompetenzzentrum Wirtschaft“ umgewandelt. Im angrenzenden NINO-Wirtschaftspark haben sich zahlreiche weitere Einrichtungen und Unternehmen angesiedelt.

Aber nicht nur die Industriegebäude oder Industrieflächen sind im Wandel. Durch den Untergang der Textilindustrie verlor Nordhorn auch seine Identität von der „Textilstadt im Grünen“. Dies wurde in Nordhorn als Chance gesehen, um ein neues Leitbild für Stadtentwicklung und Tourismus zu entwickeln. Da die Grachten und Kanäle, die Innenstadt auf einer Insel und der Vechtesee Nordhorns Stadtbild auch heute noch prägen, entwickelte sich Nordhorn weiter zur „Wasserstadt“.

Viele Rad- und Wanderwege direkt am Wasser, das Stadtmuseum mit drei Standorten, das Schifffahrtsmuseum, zahlreiche Sehenswürdigkeiten und ganz besonders der Nordhorner Tierpark machen Nordhorn heute zu einem beliebten Ausflugziel.


Quellen:
Specht, Heinrich: Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt, 1941, Nordhorn
Gortzen, Bärbel: Nordhorn – Grenzstadt ohne Grenzen, 1999, Coesfeld
Landkreis Grafschaft Bentheim: Nordhorn – Eine Zeitreise, 1998, Bad Bentheim
Stadt Nordhorn: Nordhorn – Textilstadt im Grünen, 1966, Oldenburg
Knoop; Seifert: Nordhorn – Gesichter einer Stadt, 1976, Nordhorn
v. Looz-Corswaren; Schmidt: Nordhorn – Beiträge zur 600-jährigen Stadtgeschichte,1979, Nordhorn
Griese: Nordhorn wie es früher war, 1999, Nordhorn
Straukamp, Werner: Zur Geschichte der Wasserstadt Nordhorn, 2007, Nordhorn

Hauptstraße um 1920 © Stadt Nordhorn
Rawe-Spinnerei © Stadt Nordhorn
Wasserstadt im Grünen © Stadt Nordhorn

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